Sonntag, 29. Dezember 2013

Ein Jahr

(Lesezeit: 6 min.)

Im Taurus-Gebirge.
Zwei große Reisen habe ich in diesem Jahr gemacht, nach Palästina und in die Türkei. Außerdem gab es Reisen in die Welt der Bücher und Gedanken. Von beidem will ich erzählen und auch von dem, was sich sonst noch in diesem Jahr in meinem Leben zugetragen hat.

Einige liebe Freunde haben manchmal davor gewarnt, dass mich die langen Wege nach außen und nach innen weit von dem wegführen könnten, was bislang in meinem Leben der Mittelpunkt gewesen ist. Aber das ist nicht so.

Montag, 23. Dezember 2013

Weihnachten mit Hegel


Hegel, der von seiner Familie „Wilhelm“ genannt wurde, mit vollem Namen hieß er Georg Wilhelm Friedrich, hat sich mit den Gegensätzen, die andere Philosophen vor ihm aufgestellt hatten, nicht zufrieden gegeben. So hat er etwa, wie ich aus dem schönen Hegel-Buch des Kanadiers Charles Taylor erfahren habe, die Theorie seines älteren Kollegen Immanuel Kant abgelehnt, wonach jeder äußeren Erscheinung eines Gegenstandes ein inneres "Ding an sich“ gegenüber steht. Hegel sah das Wesen der Dinge anders, für ihn war es in gewisser Weise ein Willenszentrum, welches die Dinge hervorbringt und deshalb nicht im Widerspruch zu ihnen stehen kann.

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Hegel und sein frommer Geist


Vor dem Eingang zu Hegels großem Gedankengebäude stehen die sperrigen Worte „Phänomenologie des Geistes“, Titel seines Hauptwerks. Das erste Wort ist zugänglicher als es erscheinen mag. phainomenon ist die gewöhnliche äußere Erscheinung. Sie muss beileibe nicht immer „phänomenal“ sein, dass ist eher ein Slangwort, das den Ursprungssinn übersteigert. In der Medizin ist der „Phänotyp“ das, was man vor Augen sieht, wohingegen der „Genotyp“ das ist, was das innere Konstruktionsprinzip beschreibt. Phänomenologie ist also die Lehre von den äußeren Erscheinungen.

Dienstag, 19. November 2013

Mein neuer Zugang zu Hegel


Vermittelt durch den kanadischen Philosophen Charles Taylor und die ersten 125 Seiten seines Hegel-Buchs
Man fängt am besten beim jungen Werther an, wie er da gleich zu Beginn des Romans im hohen Grase liegt, das Leben der Käfer und Pflanzen betrachtet, die Gegenwart des „All-Liebenden“ in sich und um sich herum spürt und sich danach sehnt, „ach, könntest du das wieder ausdrücken, … was so voll, so warm in dir lebt.“ Diese Sehnsucht gehört zu der Welt, in die Hegel hinein geboren wird.

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Die Entstehung der Aleviten - eine neuzeitliche Geschichte





Wer um das Jahr 1850 das Gebiet der heutigen Türkei bereiste, dürfte damals kaum auf Aleviten gestoßen sein. Dass sie trotzdem nach der Gründung der modernen Türkei mit einem Anteil von 15% an der Gesamtbevölkerung in den Statistiken als bedeutende Gruppe aufgeführt wurden, ist auf einen großen politischen Kunstgriff zurückzuführen, dessen Mechanismen Markus Dressler sehr kenntnisreich offenlegt. Man wird beim Lesen seines Buches Zeuge eines oft verzweifelten und blutigen, am Ende aber erfolgreichen Kampfes der Türken um einen eigenen nationalen Charakter. Dressler beschreibt die Auseinandersetzungen aus großer Nähe, ist dabei aber nie schnell mit einem moralischen Urteil bei der Hand.

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Mein Onkel


Meine Großeltern mit ihren Söhnen.
Hinten links mein Vater Adolf Runkel,
in der Mitte Hermann, rechts Johannes
Heute jährt sich sein Todestag zum zehnten Mal: Johannes Runkel, geboren 1925, der jüngere Bruder meines Vaters, fast 20 Jahre unser Nachbar, zehn Jahre mein Chef im Unternehmen der Familie, lebenslang eine Identifikationsfigur, im Guten wie manchmal auch im Schlechten. Er konnte Klavier spielen. Ich hörte ihm als Kind abends mit an die Wand gepresstem Ohr zu und versuchte am nächsten Tag seine schönen Harmonien, für die er keine Noten brauchte, und seinen weichen Anschlag zu imitieren.

Mittwoch, 2. Oktober 2013

Kohelet - nicht das Ende der Geschichte

Während des Nachmittagskaffees bei unserem ersten gemeinsamen Zusammentreffen hat mir Kim Strübind sehr schön erklärt, warum er den Prediger Salomonis, das Buch "Kohelet", wie man besser sagt, so sehr liebt. In diesem Buch wird aufgezeigt, dass es den Tuns-Ergehens-Zusammenhang zwischen einem gottgefälligen Leben und einem entsprechenden Segen von oben nicht gibt. Hier widerspricht das Buch Kohelet (ebenso wie das Buch Hiob und Teile der Psalmen) der optimistischen Annahme der früheren Bibelbücher, die lehren, dass es den Gerechten gut geht und dass der Ungerechte schon bald die Strafe für sein böses Tun erhält.

Montag, 23. September 2013

Papstworte - und eine Geburtstagfeier



Die kleine Stadt L. im Märkischen Kreis, der 50. Geburtstag von Juan, einem spanischen Freund, der hier in L. geboren wurde, eine große bunte Schar von Gästen, von denen ich nur eine Handvoll Leute kenne, laute Musik, die jede Unterhaltung unterbindet, eine sehr säkulare, sorglose Gesellschaft nach meinem Empfinden, für mich die einzige Freizeitgestaltung deshalb: Essen und Trinken, Schlange stehen vor dem Büffet.

Sonntag, 15. September 2013

Getarnte Touristen


Natürlich wird es mir nie gelingen, mich so zu tarnen, dass ich im Ausland nicht als Tourist erkannt werde. Trotzdem tue ich einiges dafür, um so normal wie möglich durch eine fremde Stadt zu gehen. Dabei hat mir neuerdings die moderne Technik ein unerwartet hilfreiches Mittel zur Verfügung gestellt: die ins iPhone eingebaute Kamera. Früher trug ich als Erkennungszeichen des internationalen Touristen eine Spiegelreflexkamera „am Bande“. Man trug sie, alle trugen sie, und zwar trug man sie gerade so wie einen staatlichen Orden an Brust oder Bauch mit sich herum.

Samstag, 14. September 2013

Die größte Moschee der Türkei






Sabancı-Moschee in Adana 
Einen der unerwarteten Höhepunkte unserer Reise hätten wir um ein Haar verpasst: die Sabancı -Zentral-Moschee in Adana. Sie ist die größte Moschee der Türkei. Vermutlich gehört sie außerdem zu dem Dutzend der größten Moscheen der Welt, wenn man als Maßstab die Zahl der überdachten Plätze ansetzt. Es sind in Adana 28.500, das ist zwar verglichen mit der Million, die für die Al-Haran-Moschee in Mekka angegeben wird, keine große Zahl. Aber in Mekka findet nur ein Bruchteil der Menschen einen Platz unter einem Dach, in Adana dagegen alle.

Freitag, 13. September 2013

Über Nacht gebaut

In der Türkei kann man lernen, ein illegal errichtetes Gecekondu von einem regulär geplanten und genehmigten Gebäude zu unterscheiden. Man braucht nicht viel Beispiele und Erklärungen dazu. Ein Gecekondu ist wie ein Zelt, das jemand über Nacht (gece) aufgeschlagen (kondu) hat. Es genießt bereits am nächsten Morgen Bestandsschutz und muss nicht wieder vom Ort entfernt werden, auch wenn der Grundstückseigentümer das verlangt. Ähnliches Recht gibt es in vielen Ländern der Welt, zumindest für Grundstücke, die sich im Allgemeinbesitz befinden. Man kann sich sein Grundstück ersitzen, englisch "to squat", dann ist man also ein Squatter, oder man baut sich zusammen mit anderen seine Favella, seine Shantytown, Worte für diese Wohnform und Lebensart gibt es wohl fast so viele wie es Sprachen gibt.

Donnerstag, 12. September 2013

Moscheen und Kirchen

Alte Moschee, Tarsus
An der Stelle, wo die Eski Cami (Alte Moschee) in Tarsus steht, gab es schon um das Jahr 300 eine Kirche, die später um- und ausgebaut wurde und ihre endgültige Form zwischen 1100 und 1300 erhielt. Das war in der Zeit, als Tarsus einer der Hauptorte des Armenischen Königreichs Kilikien war. Dieses Reich zerfiel, noch bevor Tarsus 1415 durch Ramazanoğlu Şehabettin Ahmet Bey erobert und dem wachsenden osmanischen Sultanat einverleibt wurde. Die armenische Kirche wurde damals in eine Moschee umgewandelt und ist es bis heute geblieben. Sie ist aber von ihrem Äußeren und besonders von ihrem Grundriss her immer noch klar als Kirche zu erkennen – man kann es auf den beiden Fotos links und rechts gut sehen.

Mittwoch, 11. September 2013

Heimkehrer

Kırşehir ist eine Auswandererstadt. Bei unserem Bummel durch die Fußgängerzone werden wir innerhalb von einer Stunde von fünf verschiedenen Leuten angesprochen und gefragt, ob wir aus Deutschland kämen und aus welcher Stadt wir seien. Es sind junge Leute dabei, die uns in akzentfreiem Deutsch erzählen, dass sie in Deutschland eine akademische Ausbildung hinter sich gebracht haben und jetzt die Großeltern besuchen. Es sind Leute mittleren Alters dabei, die ebenfalls in perfektem, manchmal dialektgefärbtem Hessisch oder Schwäbisch erzählen, dass sie auf Heimaturlaub sind, und es sind die alten Rentner, die in den Parks sitzen und lachend bemerken, dass sie das wenige Deutsch, das sie vor Jahren gelernt haben, mittlerweile schon fast wieder vergessen haben.

Dienstag, 10. September 2013

Türkische Gespräche (II)



Verbotsschild in einem Park: keinen Alkohol trinken,
keinen Müll hinterlassen.
Celal*, der im Flugzeug von Adana nach Istanbul neben mir sitzt, Ist ein wohlhabender Mann. Er ist 67 Jahre alt und hat je eine Wohnung in Adana und Istanbul und außerdem ein Haus am Meer in der Nähe von Silifke. Das Haus hat er von seinem Vater geerbt, der bereits schon in früheren Zeiten vom Geschäft mit der Baumwolle reich geworden ist. Sie wurde bis vor kurzem überwiegend im Flussdelta südlich von Adana angebaut, ist aber wohl mittlerweile nach Osten gewandert, wo entlang der syrischen Grenze die Arbeitskräfte billiger sind und das Wasser aus den neuen Stauseen reichlich fließt.

Sonntag, 8. September 2013

Christ unter türkischen Muslimen




Jesus in der "Apfelkirche" bei Göreme
Bekanntlich ist unter den Muslimen der  Vorname Mohammed sehr geläufig. Die Christen dagegen vermeiden es in der Regel (bis auf einige spanisch sprechende Völker), ihre Kinder Jesus zu nennen. Umgekehrt ist es bei den Muslimen nicht üblich, ihre Kinder „Moslem“ zu nennen. Entsprechendes tun nun wiederum die Christen – im deutschsprachigen Raum, indem sie ihren Kindern die schönen Vornamen von meiner Frau und mir, Christiane und Christian, geben.

Samstag, 7. September 2013

Ideale Landschaften


  
Ala Daglar bei Pozanti
Kaum ein anderes Gebiet der Welt hat wohl so viele Völker durchziehen sehen wie Kleinasien, die heutige Türkei. Die Perser im Sturm nach Westen und später Alexander der Große in Gegenrichtung, dann die Römer, die Byzantiner, die Araber, die Kreuzritter und in den letzten 1.000 Jahren schließlich die aus Zentralasien einströmenden und den Hauptteil der heutigen Bevölkerung ausmachenden türkischen Stämme. Es fällt an vielen Orten leicht, sich die durchziehenden Heereszüge vorzustellen, Platz für sie ist überall genug.

Arbeiten in der Türkei


Adana
Wir sind zurück in Remscheid. Ich möchte gerne noch ein paar Eindrücke von der Reise weitergeben, heute etwas zum Arbeitsleben der Menschen.
Das Land hat in den letzten Jahren erkennbar riesige Fortschritte gemacht. Die Autobahnen und auch die Straßen über Land sind neu und von guter Qualität, überall sind neue, meist etwa acht- bis zehngeschossige Wohnhäuser entstanden und entstehen weiterhin, in den Geschäften werden Waren mit internationalem Niveau angeboten. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt allerdings noch bei nur etwa der Hälfte (52%) des europäischen Durchschnitts, das ist etwa die Klasse von Rumänien und Bulgarien.

Mittwoch, 4. September 2013

Eine namenlose Schönheit


Taşucu 

Die Klosteranlage, die abseits der Straße, welche hoch über einen Tauruspaß die Städten Karaman und Mut verbindet, ist so lange in Vergessenheit gewesen, dass man heute ihren Namen nicht mehr kennt. Die Römer haben sie gebaut, der byzantinische Kaiser Justinian (482 bis 565, der Erbauer der Hagia Sophia) hat sie möglicherweise restaurieren lassen, erwähnt wird ein Kloster mit Namen Apadnas in Isaurien, das mit kaiserlichen Mitteln erneuert wurde. Danach verlieren sich alle Spuren.

Dienstag, 3. September 2013

Kaiser Rotbart, lobesam

Taşucu 

Nach unserem Besuch der Stelle, an welcher Kaiser Friedrich I. - später als "Barbabossa" oder als "Kaiser Rotbart lobesam" (im Gedicht von Ludwig Uhland) legendär- am 10. Juni 1190 in Fluss Kalykadnos, bzw. Saleph (heute Göksu) ertrank, glaube ich nicht an die Theorie, er sei mit voller Rüstung durch den Fluss geritten, sein Pferd sei von der starken Strömung fortgerissen worden und er sei durch seine Rüstung unter Wasser gedrückt worden. Der Fluss ist hier nicht besonders reißend, jedenfalls im Sommer nicht, er schlängelt sich malerisch durch gewaltige Schluchten, ist aber an dem fraglichen Abschnitt ein ruhiges, etwa 20 m breites Gewässer, das von den mitgeführten Steinmassen milchig weiß gefärbt wird, zur Zeit mit einem grünlichen Einschlag.

Montag, 2. September 2013

Bird Watchers

Taşucu


Das riesige Delta des Göksu ist laut Reiseführer Herberge von mehreren hundert teilweise seltenen Vogelarten der Türkei. Auf der Schautafel im Hotel sieht man Störche und Verwandte derselben, man sieht Seeadler und verschiedene andere Raubvögel und vieles andere, was sich in den Feuchtgebieten zwischen Meer und Land bewegt.

Sonntag, 1. September 2013

Tarsus

Taşuçu bei Silifke, am Mittelmeer

Tarsus ist eine der wenigen Städte in Kleinasien, die ihren Namen über die Jahrhunderte und Jahrtausende nicht geändert hat. Möglicherweise geht der Name auf die Hetiter zurück. Die Menschen müssen zu allen Zeiten von der besonderen Lage der Stadt profitiert haben - das hügelige Vorgebirge nördlich der Stadt wird ebenso wie das Flussdelta südlich davon von den klaren Wassern, die aus dem Taurus abfließen, reichlich versorgt und von der warmen Mittelmeersonne verwöhnt.

Samstag, 31. August 2013

Armenische Königreiche


Çamlıyayla, bei Tarsus


Die Burgruine Lambron (türkisch Namrun), an deren Fuß unser Hotel liegt, war für zwei Jahrhunderte eins der Zentren des christlichen Königreiches Armenien. Wir erstiegen sie heute Vormittag in der anfangs milden, dann aber immer heißer werdenden Sonne des Taurusgebirges. Wir fanden auf dem höchsten Punkt des schroff nach drei Seine hin abfallenden Burgberges zwei große steinerne Säle mit noch intakten Tonnengewölben und stellten uns vor, dass hier im Jahre 1190, etwa gegen Ende Juni,  Kaiser Friedrich Barbarossa als Gast erwartet wurde. Er befand sich auf seinem dritten Kreuzzug und hätte hier mit dem Prinzen und späteren König Lewon I. auf die Freundschaft und militärische Kooperation der beiden christlichen Könige anstoßen und einige anliegende Dinge besprechen können. Friedrich ertrank jedoch am 10. Juni 1190 im etwa 150 km entfernten Taursfluss Saleph (heute Göksu).

Donnerstag, 29. August 2013

Ein alter kappadokischer Heiliger mit modernen Problemen


Uçhisar, Kappadokıen

Über die Mondlandschaft der Tuffsteinfelsen hier im kappadokischen Hochland ist vor vielen hundert Jahren auch der heilige Gregor gewandelt. Er wurde um 330 in der Nähe der heutigen Stadt Aksaray geboren und hat im nahen Kayseri, das damals Caesarea hieß, studiert. Später wurde er ein einflussreicher aber nicht glücklicher Bischof in Konstantinopel.
Welche Probleme haben seinem Glück im Weg gestanden? Meine eigenen Probleme, seine Reden zu lesen und zu verstehen, hatte ich bereits früher geschildert. Jetzt habe ich in einem Kommentar gelesen, dass sie in gewisser Weise gleichlaufend sind. Es sind nicht die Probleme meines Verstehens, sondern eigentlich die Probleme des ganzen Lebens von Gregor von Nazianz.
Die eigenartige Diskrepanz zwischen seiner tiefen Frömmigkeit und seiner weltläufigen, mir übertrieben erscheinenden Rhetorik hat ihn selbst am allermeisten gequält. Er hatte bei seinem Studium in Athen die Hochkultur der Griechen und Römer kennen gelernt. Er war dort mit der ganzen Raffinesse der künstlerischen Ausdrucksformen einer lebendigen Hochkultur bekannt gemacht worden. Das zentrale Studienfach Rhetorik, in dem er eine hochklassige Ausbildung bekam, diente damals offenbar der Gesamtheit der Kommunikation. Es ging um alles, was man über Wissenschaft, Kunst und Lebensphilosophie an Wissen vermitteln konnte.
Rhetorik war sehr viel mehr als nur die Redegewandtheit bei öffentlichen Auftritten. Rhetorik war die ganze Kunst, andere Menschen zu beeinflussen, und zwar so, dass sie in der Lage waren, in den Idealen der damaligen Philosophie zu leben und sich anleiten lassen, jederzeit das Gute und Richtige zu tun.
Von diesen Idealen hatte sich Gregor innerlich abgekehrt. Er hatte aus den langen kirchlichen Diskussionen der damaligen Zeit, welcher Natur Jesus gewesen war (Gott ähnlich oder Gott gleich) für sich persönlich eine generelle Erkenntnis über die Ähnlichkeit eines jeden Menschen mit Gott gewonnen. Ihm war klar geworden, dass der Mensch sich nur über die Annäherung an den ihm verwandten Gott dazu bringen könne, jederzeit das Gute und Richtige zu tun. Gregor hatte damit einen neuen Zugang zu einer neuen „Pädagogik“ bekommen. In der Tat sprachen die Griechen von „paida“  als Weg der Erkenntnis und Erziehung. 
Für Gregor konnte diese Pädagogik nur aus der Erkenntnis der Ähnlichkeit mit Gott kommen. Der Mensch musste Gott imitieren und musste sich ihm dazu annähern. Diese Annäherung wollte Gregor dadurch erreichen, dass er in die Einsamkeit der Flüsse und Wälder in der Nähe der Schwarzmeerküste zog und Gott in der Stille und in der Askese suchte. Gleichzeitig war ihm bewusst, dass seine ganze vornehme Ausbildung verbunden mit seinem großen Talent, auf sozusagen klassische Weise, nämlich "rhetorisch" Einfluss auf andere Menschen auszuüben, ihn zu einem Mann im Dienst der Kirche machte.
Ich glaube, dass dieses Problem, das Schwanken zwischen dem Talent, andere Menschen zu führen und dem tieferen Willen, die Einsamkeit zu suchen und Gott zu finden, auch heute in vielen Menschen vorhanden ist, vielleicht in mehr Menschen als man das vielleicht annehmen möchte.
Mir erzählte neulich ein Freund, dass auf einem Seminar über spirituelle Erfahrungen, bei dem etwa die Hälfte der Teilnehmer Mediziner und Pastoren, die andere Hälfte dagegen Geschäftsleute waren, gerade die Leute aus der Wirtschaft die meisten neue Impulse zur Wiederentdeckung alter Mystiker mitbrachten.
Vielleicht wird es in Zukunft mehr und mehr solche Menschen geben, die beide Neigungen - ich sage es abgekürzt: zum Management und zur Mystik - in sich selbst entdecken und beide auch verwirklichen wollen. Man kann nur hoffen, dass sie mit der Versöhnung der beiden Bereiche mehr Glück haben als Gregor. Sein lebenslanges Ringen ist nach allem was man weiß nicht zu einem befriedigenden Ende gekommen. Aber man hat ihn für seine offene Redeweise offenbar geliebt und seinen Gedanken einen wichtigen Platz in der Kirche gegeben.

Mittwoch, 28. August 2013

Türkische Gespräche (I)


 


Uçhisar, Kappadokien




Blick aus unserem Fenster in der Morgenröte:
der Vulkan Erciyes, 3.916 m hoch, etwa 70 km entfernt.

Uğur* ist 18jährig mit einem kleinen Koffer mutterseelenallein nach Essen gezogen und hat dort 22 Jahre als Schreiner gearbeitet. Er hat einen deutschen Meisterbrief und ist seit zwei Jahren wieder am Heimatort zurück, hier als selbständiger Schreiner mit 10 Mitarbeitern. Ich frage ihn, was ich alle Türken frage, mit denen ich länger rede: ob die Türkei nach den Unruhen der letzten Monate wieder zu einem inneren Frieden finden wird.

Dienstag, 27. August 2013

Das Auge des Hammels


Uçhisar, Kappadozien

Ich habe mich mein Leben lang mit Freude an einen Tisch gesetzt, wenn ich wusste, dass das Essen aus einer türkischen Küche kam. Vielleicht hat mir ein alter Reiseführer aus den 60er Jahren geholfen, den richtigen Zugang zu dieser Küche zu finden, von der manche Menschen sagen, sie sei neben der französischen und der chinesischen die beste der Welt. In besagtem Reiseführer, den ich zur Vorbereitung meines Auslandspraktikums 1971 in Istanbul las, war auf altmodische Weise auf die vielfältigen Fremdheiten dieser orientalischen Küche hingewiesen worden. Es gab eine Reihe von Schilderungen, die schließlich in der Vorstellung gipfelten, dass man als Ehrengast eines opulenten türkischen Gastmahls eine pyramidenförmig geschichtete Platte mit Hammelfleisch vorgesetzt bekäme, auf deren Spitze als besondere Gabe für den Gast - ein Hammelauge liegen und den Gast mit der Aufforderung anblicken würde, es zu zerteilen und zu verspeisen

Montag, 26. August 2013

Archaische Tage (II)



Cemele, bei Kırşehir

Von den Männern auf der Hochzeit tragen eine ganze Reihe eine Pistole mit sich herum, von der sie bei bestimmten Gelegenheiten, etwa der Ankunft der Braut, auch ausgiebig Gebrauch machen und lange, knatternde Salven in die Luft schießen, mit scharfer Munition, nicht mit Platzpatronen. Einige Gewehre sind vorhanden, Schrotflinten und andere, mit denen schießt man schräg nach oben, man muß sie ja fest an der Schulter anlegen, und feuert in Richtung des unbewohnten Geländes hinter dem Haus.

Nichts stärkt die Sicherheit im Auftreten eines Mannes mehr als die Schusswaffe am Gürtel, das läßt sich hier gut beobachten. Ich sehe, wie der Brautvater seinem Sohn kurz vor der Abfahrt zum Haus der Braut eine Pistole zusteckt, die dieser mit einem kurzen Griff im Rücken unter dem Gürtel verschwinden läßt und seinen marineblauen Anzug darüber wieder schließt. Er wird Freudenschüsse damit abschießen, nicht mehr, aber es ist für mich auch eine Steigerung des Nietzsche-Wortes in dieser Bewaffnug, wenn du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht. Wollen die Frauen uns nicht letztlich alle als Eroberer?

Ich mache mich unbeliebt und breche ab. Übrigens finden auch die türkischen Frauen das ohrenbetäubende Geknatter offensichtlich als störend und schimpfen laut auf die schießenden Männer ein. Dass sie relativ sorglos in Gegenwart vieler Kinder mit den scharfen Waffen herum hantieren, empfinden sie als sträflich. Lange wird diese Männerwelt ihr Spiel nicht mehr treiben dürfen, auch in Anatolien nicht.

Wenn ich mich mit einem der vielen Gäste bekannt mache, sage ich in der Regel "ich bin Christian, ich bin Deutscher". Das verstehen manche falsch, denn "ben christian'im" heißt auch "ich bin Christ". Hüseyin, der Vater der Braut, versteht mich in diesem Sinn und sagt, etwas abwehrend, ach, wir sind alle dieselben Menschen. Ich muss schnell korrigieren: benim adım Christian (ve ben hıristian'ım), mein Name ist Christıan (und ich bin ein Chrıst). Dass meine Frau außerdem Christiane heißt, wird als folkloristisches Element mit freundlichem Interesse aufgenommen.

Sonntag, 25. August 2013

Archaische Tage (I)


Cemele, bei Kırşehir

Der vorläufige Höhepunkt der Hochzeitsfeiern war für mich am Samstag der Wettbewerb der jungen Männer des Dorfes, die sich darin maßen, einen etwa 20 bis 30 kg schweren Rinderkopf auf ein vier Meter hohes Hausdach zu werfen. Der Kopf war zuvor vom Rumpf des jungen Bullen getrennt worden, der zum Anlass der Hochzeit sein Leben lassen musste und von dessen Fleisch wir uns schon am Freitag ernähren konnten.

Samstag, 24. August 2013

Betriebswirtschaftliche Grundzüge einer Hochzeit auf dem Lande


Cemele bei Kırşehir, Kappadokien

Rıza, der Patriarch und Großvater des Bräutigams, hat gestern die nach und nach eintreffenden männlichen Verwandten (dazu zählen alle Vettern bis hin zum dritten und vierten Grad und die damit verschwägerten oder verschwippschwägerten) noch einmal mit eindringlichen Worten daran erinnert, dass die Hochzeitsfeier nur gelingen kann, wenn jeder der erwarteten fast Tausend Gäste sich willkommen und beachtet fühlt. Das bedeutet für die Männer, besonders die jüngeren, dass sie im ständigen Hin und Her mit der Küche heute darum besorgt sein werden, dass alle genug zu essen haben und dass vor allen Dingen der beständige Strom von Tee nicht versiegt.

Freitag, 23. August 2013

Kreatives Schreiben

Ankara

Die Sonne ging heute auf, als wir über Ungarn flogen, das Frühstück kam, als wir die bulgarische Schwarzmeerküste unter uns sahen. Unter der klaren, fischreichen oberen Wasserschicht des Schwarzen Meeres (das auch die Türken "schwarz" nennen, Kara Deniz - in schönem Gegensatz zum Mittelmeer, das bei ihnen Ak Deniz, weißes Meer heißt) lagert in der Tiefe eine tote Lauge, die sich aus den verfaulenden organischen Bestandteilen bildet, welche die hier mündenden großen Flüsse wie Donau, Dnjepr und Don mit sich führen und die das Ökosystem des Schwarzen Meeres nicht verarbeiten kann.

Montag, 19. August 2013

Kappadokische Weisheiten


Wir werden uns am kommenden Wochenende auf den Weg nach Kappadokien machen. Ich finde bei der Reisevorbereitung ein schönes Wort von dort:

Ich kann mich nicht daran freuen, mir ergebene Sklaven zu besitzen, Angehörige meiner eigenen Rasse, die vor Zeiten durch eine Tyrannei von mir getrennt wurden. Sie hat Menschen, die aus einem und demselben Land abstammten, den doppelten Namen ‚freier Mann‘ oder ‚Sklave‘ gegeben. Nein, nicht aus einem und demselben Land, von einem und demselben Gott. So kam die sündhafte Unterscheidung in die Welt.
Das hat Gregor von Nazianz geschrieben, aus der Gegend des heutigen Nevşehir. Er hat von 329 bis 390 gelebt.

Sonntag, 28. Juli 2013

Das Himmelreich gleicht einem Schatz im Acker


 Bonn, Sonntag, den 28. Juli 2013

Die freikirchliche Gemeinde der Baptisten in Bonn ist die Heimat meiner Tochter Judith, ihres Mannes Johannes und ihres Sohnes Jakob. Außerdem gehören zwei meiner Schwestern in diese Gemeinde. Ich habe also ein Heimspiel, wenn ich dort gelegentlich als Laienprediger zu Besuch bin.

Samstag, 27. Juli 2013

Das geheime Leben des Volkes (Teil 4)


Im Folgenden habe ich einen weiteren New-York-Times Artikel übersetzt, der neue Erkenntnisse zum Glauben von weiten Teilen der amerikanischen Bevölkerung enthält. Seine Grundthese: die liberale Weltanschauung hat sich zwar als Theologie in den Kirchen geschlagen geben müssen, ist aber draußen im Land zum herrschenden Glaubensbekenntnis geworden - in säkularer Form.


Billy Graham 1957
Ein religiöses Erbe mit Tendenz nach links wird neu überdacht

Von Jennifer Schuessler

 Seit Jahrzehnten stellen die amerikanischen Religionshistoriker der Nachkriegszeit den Triumph der evangelikalen Christen als die alles dominierende Geschichte in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung. Anfangs der 40er Jahre, so wird berichtet, beginnt die steigende Flut der Evangelikalen mit der Gewinnung ihrer Macht und Identität und schlägt letztlich ihre liberalen protestantischen Kollegen in die Flucht  - in den Kirchenbänken, am Kollektenbeutel und an der Wahlurne.

Dienstag, 23. Juli 2013

Das geheime Leben des Volkes (Teil 3)


Gerne möchte ich meinen Freunden aus dem evangelikalen Lager, zu dem ich gehöre, ein Gedankenexperiment anbieten. Angenommen einmal, wir hätten nach langem Forschen und vielen Bemühungen einen Zugang zu den über 90 % der Menschen in unserem Land bekommen, die nicht mehr in eine Kirche gehen. Und angenommen, wir hätten von ihnen die Zusage erhalten, dass sie grundsätzlich nicht abgeneigt sind, uns zu besuchen. Was würden wir ihnen sagen, wenn sie dann schließlich zu uns kämen?

Sonntag, 21. Juli 2013

Das geheime Leben des Volkes (Teil 2)


Der folgende Artikel des US-amerikanischen Journalisten David Brooks (Foto) ist eine gute Ergänzung zur Orientierungshilfe der Evangelischen Kirche. Er befasst sich ebenfalls mit den Lebensformen des modernen, des "säkularen" Menschen und sieht überraschende Möglichkeiten, ihn neu auf den Glauben anzusprechen. Ich habe ihn nach dem am 8. Juli 2013 in der New York Times erschienenen Original übersetzt.

Die säkulare Gesellschaft
Ich sollte gleich zu Anfang sagen, dass dieser Artikel der Bericht über ein Buch ist. Seit dem Jahr 2007, als dieses Buch veröffentlicht wurde, haben mir Wissenschaftler immer wieder von Charles Taylors A Secular Age* vorgeschwärmt. Kurse, Vorträge und Symposien sind um das Buch herum organisiert worden, aber es ist außerhalb der akademischen Welt fast unsichtbar, weil der Text aus etwa 800 Seiten dichter, mit Fachjargon gefüllter Prosa besteht.

Donnerstag, 18. Juli 2013

Das geheime Leben des Volkes (Teil 1)


Am Anfang der sozialen und missionarischen Tätigkeit des frommen Pietisten Johann Hinrich Wichern (1808 - 1881) stand seine Schrift „Hamburgs wahres und geheimes Volksleben“, in der er die Eindrücke aus seinen Hausbesuchen beim armen Teil der Bevölkerung gesammelt hatte. Die bedrückende Kenntnis der Lebenssituation in den unteren Schichten befähigte Wichern später, deren Geschick in die Hand zu nehmen und zu verändern.

Freitag, 28. Juni 2013

Die Bergische Morgenpost berichtet


Am 8. Juni hat der freundliche und engagierte Bernd Geisler von der Remscheider Lokalausgabe der „Rheinischen Post“ einen schönen Artikel über mein Buch und meine Lesung daraus drei Tage später geschrieben. Es gibt noch Menschen, die zuhören, verstehen und vernünftig schreiben können.
 
 

Sonntag, 23. Juni 2013

Old Folks

Ein berühmter Pianist hält ein Seminar ab, in der Pause klimpert er nebenbei ein paar Takte, ein Teilnehmer reagiert schnell und lässt sein iPhones das Ganze aufnehmen – und heraus kommt eine wunderbare Musik. 



Samstag, 15. Juni 2013

Vergehen und Werden

Der Abriss und Neubau unserer Garage im Juni des Jahres 2013, Zusammenstellung der Facebook-Dokumenation.



Garage und Haus im Herbst

Sonntag, 2. Juni 2013

Gott für existent halten ist der geringste Teil des Glaubens


von Tanya Marie Luhrmann*




Dieser Artikel ist unter dem Titel „Belief Is the Least Part of Faith“ am 29. Mai in der New York Times erschienen. Mit meiner Übersetzung hatte ich das Problem, dass es hier natürlich keinen Sinn macht, sowohl „Belief“ als auch „Faith“ mit „Glaube“ zu übersetzen. Frau Luhrmann benutzt Belief im Sinne eines intellektuellen Anerkennens und Faith als das sichtbare, in eine Kirchenzugehörigkeit mündende Ergebnis religiösen Handelns. Deshalb habe ich für „Belief“ in der Regel Worte wie „Fürwahrhalten“ oder ähnlich gewählt.
 Vor einigen Wochen war ich Teil einer Predigt in meiner Universitäts-Kirche. Sie gehört zu der Art von ökumenischen Kirchen, in denen ich aufgewachsen bin. Der Pastor und ich saßen etwas erhöht über der Gemeinde und unterhalb der bunten Kirchenfenster und sprachen über die Art und Weise wie evangelikale Christen Gott verstehen - ein Thema über das ich ein Buch geschrieben hatte. Danach gab es ein Mittagessen für die Gemeinde. Die Fragen, welche die Menschen stellten, während wir alle unsere Avocado-und-Käse-Sandwiches aßen, drehten sich um das Rätsel des persönlichen Fürwahrhaltens. Warum sehen die Leute Gott als real an? Was ist unser Beweis dafür, dass es einen unsichtbaren Beweger gibt, der einen wirklichen Einfluss auf unser Leben hat? Wie können Menschen wie diese Evangelikalen so gewiss sein?

Samstag, 23. März 2013

Transcript of Obama’s Speech in Israel

The New York Times



March 21, 2013

Transcript of Obama’s Speech in Israel

Following is a complete transcript of President Obama’s remarks in Jerusalem on March 21, 2013. (Transcript courtesy of Federal News Service).
The welcome that I’ve received from the people of Israel. (Cheers, applause.) Thank you. I bring with me the support of the American people -- (cheers, applause) -- and the friendship that binds us together. (Cheers, applause.)

Sonntag, 17. März 2013

Three Articles About Israel and Palestine


Roger Cohen, New York Times, February 28
“I said Israel’s situation is sustainable. It is in physical terms. It is not in ethical terms.”
 

Ben Ehrenreich, New York Times, March 15
“In mid-November, Israeli rockets began falling on Gaza. Protests spread throughout the West Bank. ‘We thought it was the start of the third intifada,’ Manal told me.”

Samstag, 16. März 2013

Kochrezepte


Robert Laughlin
An dieser Stelle möchte ich an ein Interview mit dem Physik-Nobelpreisträger Robert Laughlin erinnern, das dieser 2007 dem „Spiegel“ gab.
Ich zeige hier den Link zum Spiegel-Artikel, weiter unten ist aber das Interview auch noch einmal in meinen Text hinein kopiert.
Laughlin  hat in dem Interview neben vielen anderen klugen Sachen seine Theorie der „Kochrezepte“ dargelegt: neben der exakten Wissenschaft gibt es das große Gebiet der menschlichen Erfahrung, und hier werden vermeintlich wissenschaftlich durchdrungene Bereiche – Laughlin nennt die Stahlproduktion und auch die Medizin – von Verfahren beherrscht, die Kochrezepten entsprechen, also nicht auf exaktem Wissen, sondern auf tradierter Erfahrung beruhen.

Sonntag, 10. März 2013

Die Grenzen der Gewissheit







Joachim Jeremias
Am Freitag, den 1. Mai 1931 bestieg der Greifswalder Gelehrte Joachim Jeremias in Begleitung des Jerusalemer Fotografen Chalil Raad und des ebenfalls mit einer Fotokamera ausgerüsteten schwedischen Theologiestudenten Bo Giertz den Berg Garizim. Der Weg dahin war sorgfältig geplant, erstmals seit vielen Jahren gab es wieder die sich unregelmäßig bietende Gelegenheit, ein Passafest mitzuerleben, das auf einen Sabbat fiel, in diesem Fall auf Samstag, den 2. Mai*.
Jeremias wusste, dass die Samaritaner die Sabbatruhe sehr streng auslegen und deshalb die Vorbereitungen auf das nächtliche Passamahl spätestens mit dem Sonnenuntergang des 1. Mai beenden würden. Danach begann der Sabbat, an dem kein Werk, auch kein frommes, verrichtet werden durfte. Fiel das Passafest auf einen Wochentag, so durfte man auch noch in der Nacht an den Vorbereitungen des Essens weiterarbeiten, es war zwar ein Feiertag, aber kein Sabbat mit seinem Arbeitsverbot. An einem Sabbat dagegen ruhten nach dem Untergang der Sonne alle Tätigkeiten.

Sonntag, 3. März 2013

Palestine - an ugly side and a hopeful side


Among the many good things that I can tell about Palestine I should be honest an make mention of a dark and ugly side, too. It is shown in an interview with Yunis AlAstal, a Hamas MP.


 The hopeful side is shown in an article of Dennis Ross, the longtime US-chief-negotiator for the Arab-Israeli-conflict. “To AchieveMideast Peace, Suspend Disbelief
 

Samstag, 2. März 2013

Wer ist Moslem?



Prof. Khorchide
Im Folgenden gebe ich drei Links zu Beiträgen einer Diskussion weiter, die momentan die Gemüter der deutschen Muslime bewegt. Es ist ein Blick hinter den Vorhang, der Christen und Muslime für gewöhnlich trennt. Aber er zeigt etwas auf, was in ganz ähnlicher Form auch immer wieder einmal unter Christen diskutiert wird.

Dienstag, 12. Februar 2013

Unsichtbare Begleiter

Duma, 25. Januar 2013

Gerd und ich glauben an Gott, und nach unserem Eindruck ging der auch als unsichtbarer Dritter auf unserer Wanderung mit und half uns, dass wir unser Ziel nicht verfehlen. Wir sind ihm nicht auf spektakuläre Weise begegnet, dafür ist unser alter Baptistenglauben auch gar nicht erwartungsvoll genug. Kein plötzliches Aufleuchten der Gegenwart Jesu, keine Begegnung mit seinen Jüngern oder den Stammvätern von Abraham bis Mose. Einmal schien das Bild der Dornenkrone kurz auf, in einem Dornenstrauch. Ich fotografierte es – und der Eindruck war wieder verschwunden.


Invisible Companions

Duma, January 25th, 2013

Gerd and I believe in God, and our impression was that an invisible third party walked with us on our hike and helped us not to miss our goal. We have not met this party in a spectacular way; our old Baptist faith is not expectant enough for that. We saw no sudden flash of the presence of Jesus, had no encounter with his disciples or the patriarchs from Abraham to Moses. Once the image of the crown of thorns briefly shone up, in a thorny bush. I photographed it – and the impression was gone.

Montag, 11. Februar 2013

People along the way



Awad was plowing his olive grove, far away from the next village. His wife called him on the cell phone several times. He served us tea out of a kettle that was black from the charcoal fire he kept it on.










Sonntag, 10. Februar 2013

Das Existenzrecht


Golan, 20. Janaur 2013

"Israel is a fake“, Israel ist eine Fälschung, sagt Falid, der etwa 30jährige Druse in Katzrin, dem Hauptort der 1967 eroberten Golanhöhen auf der Ostseite des Sees Genezareth. Falid leitet eine kleine Kantine für die Leute aus dem umliegenden Industriegebiet und öffnet sie auch für andere Besucher wie uns. Falids Eltern wurden israelische Staatsbürger, und so besitzt Falid ebenfalls einen israelischen Pass, möchte aber lieber heute als morgen auswandern. „Israel erzieht seine Kinder zur Desintegration“, sagt er, die Juden würden in dem Bewusstsein aufgezogen, etwas Besseres zu sein.

The Right to Exist

Golan, Janaury 20th, 2013

"Israel is a fake," says Falid, the approximately 30-year old Druze in Katzrin, capital of the Golan Heights on the east side of the Sea of ​​Galilee, 1967 captured by Israel. Falid runs a small canteen for the people from the surrounding industrial area and opens it for other visitors like us, too. Falids parents became Israeli citizens, and so Falid also has an Israeli passport yet wants to emigrate rather sooner than later. "Israel raises its children to disintegrate," he says, the Jews are brought up in the awareness to be something better.

Samstag, 9. Februar 2013

Die unsichtbare Frau

Kafr Malik, 26. Januar 2013

Bei Masada in Kafr Malik
Bei sieben Familien waren wir zu Gast, rechnet man den Besuch im Gemeindehaus bei Pastor Nael von den Anglikanern in Zababda mit ein. Nur bei zweien davon haben wir neben dem Vater der Familie auch die Mutter gesehen – bei Nael und Mira und bei Abdu und Masada hier in Kafr Malik (siehe Foto). Überall sonst sind wir auf das Phänomen der unsichtbaren Frau gestoßen, sie blieb uns verborgen.

The invisible woman


Kafr Malik, 26, January 2013


Masada's house

We were guests in a total of seven families if you count the visit to the community center of Pastor Nael of the Anglicans in Zababda, too. Only in two of them we have seen the mother of the family – with Nael and Mira in Zababda and with Abdoo and Masada (Foto) in Kafr Malik. Everywhere else we have encountered the phenomenon of the invisible woman, she was hidden from our eyes.

Freitag, 8. Februar 2013

Ramallah-Gerd

Ramallah, 27. Januar 2013

Diese  Reise wäre ohne meinen Gefährten Gerd Rieso, Freund aus lange zurückliegenden Krefelder Tagen, niemals möglich gewesen. Er war der ruhende Pol in den Planungen und der geduldige, nie klagende Begleiter auf allen Wegen, Nachbar auf den nicht immer luxuriösen Schlaflagern, Miteigentümer von manchmal nur sparsam vorhandenen Handtüchern, Testingenieur für den Gebrauch der bisweilen unkonventionellen Duschen, Vorkoster an vielen Tischen, an denen wir zu Gast waren.

Ramallah-Gerd (english)


Ramallah, January 27, 2013

This trip would never have been possible without my companion Gerd Rieso, friend from days way back in Krefeld. He was the calm pole during the time of planning and he was the patient, never complaining companion on many roads, neighbor in the not always luxurious sleep camps, co-owner of sometimes only sparingly existing towels, test engineer for the use of unconventional showers, food taster at many tables where we were guests.

Donnerstag, 7. Februar 2013

Barmherzige Samaritaner

Blick auf die Ausgrabungen und in das Tal von Nablus,
dem alten Sichem
Berg Garizim über Nablus, 24. Januar 2013

Vor meiner Reise hatte ich etwas über die Samaritaner geschrieben, das ich jetzt korrigieren muss: die riesigen Gebäude auf dem Garizim, die erst vor wenigen Jahren freigelegt wurden, sind keine Reste eines samaritanischen Tempels.   Allerdings – ganz sicher bin ich mir nicht, sondern folge hier nur getreulich den Gedanken des renommierten Experten unter den Samaritanern, Benyamim Tsedaka, bei dem wir heute eine Art von Privatvorlesung erhielten. Er hat vor allen Dingen der Darstellung des "Spiegel" in der Ausgabe 15/2012 energisch widersprochen, in welcher die laut Spiegel erwiesene Existenz eines Tempels hier auf dem Garizim ein großes Fragezeichen hinter die Existenz des salomonischen Tempels in Jerusalem setzt.

Good Samaritans

Mount Gerizim above Nablus, January 24, 2013

View at the excavations and into the valley of Nablus, the old Shechem
Before going on my trip I had written something concerning the Samaritans that I need to correct now: the huge buildings on Mount Gerizim which were uncovered a few years ago are not the remains of a Samaritan temple. However - I'm not completely sure, but am following faithfully the thoughts of a renowned expert among the Samaritans, Benyamim Tsedaka. We received today a kind of private lecture from him. He has vigorously objected the article of the German magazine "Der Spiegel" in issue 15/2012. Here the alleged existence of a huge temple on Gerizim puts – so “Der Spiegel” – a big question mark behind the existence of Solomon's Temple in Jerusalem.

Mittwoch, 6. Februar 2013

Das Tor zum Orient

Vorspiel in Istanbul, Oktober 2012

Straße in Zababda, Nord-Palästina
Haris war es, der mir mit nur drei Worten ein Tor zum Orient aufgestoßen hat. „Das gefällt mir“, sagt der 14jährige Sohn meines Freundes Necattin und tippt mit der Fußspitze auf eine etwa einen Quadratmeter große Zementfläche. Was er mir zeigen will, ist eine Betonfüllung, die man kunst- und achtlos in eine Absenkung im Asphalt eingebracht hatte, falsches Material, falsch behandelt. Wir stehen auf dem Parkplatz vor einem bekannten Ausflugsrestaurant auf dem Hügel Camlica, hoch über Istanbul.

The gateway to the Orient


Prelude in Istanbul, October 2012


Haris pushed me a gateway to the Orient open with just three words. "I like that," said the 14 year old son of my friend Necattin and pointed with the tip of his foot to an approximately one square meter wide patch of concrete. What he wanted to show me was cement filling, a little bit oddly and carelessly shoveled into a hollow in the asphalt. Wrong material, wrong treatment. We stood in a parking lot in front of a famous tourist restaurant on the hill Camlica, high above Istanbul.

Dienstag, 5. Februar 2013

Cristiano Ronaldo

Nablus 23. Januar 2013

Studenten, die wir am nächsten Tag auf dem Garizim treffen
Im übervollen Studentencafé an einer der Hauptstraßen in Nablus finden Gerd und ich mit Mühe einen Platz in der hintersten Ecke, bestellen einen Tee und atmen den Dampf der überall blubbernden Wasserpfeifen ein. Schnell ist der Kontakt zu den jungen Männern am Nebentisch hergestellt, eine Partie Backgammon begonnen, und schon bald dreht sich das Gespräch um das wichtigste Thema der Welt, Fußball.

Cristiano Ronaldo (english)


Students we meet the following day on Mt. Gerizim
Nablus 23. Januar 2013

In the overcrowded student café on one of the main streets of Nablus Gerd and I find, after some searching a spot in the back corner. We sit down, order a tea and inhale the steam of the omnipresent bubbling hookas. In no time there is contact with the young men at the next table, a game of backgammon is begun, and soon the conversation turns to the most important issue in the world, to football.
In Palestine, as in many countries of the world the Spanish football ranks first and there, within the Primera Division of course the two teams of Real Madrid and FC Barcelona. I admit to support the madrileños and am accepted by half of the students as one of them, with backslapping (in the further course of the journey I sometimes can win some respect from the fact that my name somehow sounds like Cristiano Ronaldo).
Later we move to more serious topics. All the young men express how cumbersome and unfair they feel the heavy hand of the Israeli control over their country. No one sees a way for a fair agreement. They want peace but how to get there looks very uncertain to them.
I ask what they would give up for the sake of peace and tell them, without waiting for an answer about the German sacrifice of our eastern territories, draw, to illustrate the facts a map of Germany on a piece of paper, boast the peace with Poland. They listen to me politely, but quickly judge that the conditions in this country are not comparable with Germany and Poland.
A young student tells about his grandfather who was expelled from his home in Haifa in 1948. That is where he, the student wants to go back, even at the cost of half a world war with all the corresponding misery. No, there is no way to give up what belongs to us, not under any circumstances.
The mood is emotional but still not combative in any way, or so electrically charged as known from CNN reports. These are no jihadists, rather people that are put under daily tests of patience through the ruling system. Deep within them the consciousness is awake that the current situation of occupation is utterly unjust.
At the end of the evening we say good-bye as people with a different opinion on giving up, but nevertheless in warm friendship.
Later, in the hotel, I think that I should have brought Real Madrid into consideration. My idea: if a major war would lead to a timely break in the big sports events, or even – imagine! – to the partial collapse of television and internet, would they still want to continue the fight for Haifa?
Somehow it seems to me that the full weight of the benefits of a peaceful solution has not yet been put on the scale.